Life in Plastic – It's Fantastic!

Paper World – auch Ausschneidepüppi Bettsy McCall hatte bald einen Freund (und einen Dackel).Handlers Frau Ruth liebte es, ihrer Tochter Barbara beim Spielen zuzuschauen. Eins fiel ihr auf: Ihre pausbäckigen Babypuppen reizten Klein-Babsie nicht sonderlich. Sie mühte sich lieber hingebungsvoll ab, fitzelige Paper Dolls immer und immer wieder umzuziehen. Da war zum Beispiel Bettsy McCall, ein Ausschneidemädel, das regelmäßig in der Frauenzeitschrift McCall’s Magazine zu finden war. Eifrig hantierte Barbara mit der Schere, schnippelte Bettsy aus. Dazu gab es jeden Monat neue Kleider. Die hatten Papierhaken, die man umknicken konnte, um Bettsy die neuesten Modelle umzuhängen. Eine nervige Sache. Die bockigen Kleidchen flatterten davon, das Papier riss schnell.

Ponytail Barbie #1 kostete 1959 drei Dollars. Heute wird sie unter Sammlern für mehrere Hundert gehandelt.Geistesblitz bei Mama Handler: Plastik Dolls – das war es doch. Dazu eine umfangreiche Garderobe. Am 9. März 1959 konnte die einfallsreiche und geschäftstüchtige Lady die erste Barbie (benannt natürlich nach Barbara) auf der New York Toy Fair vorstellen, der New Yorker Spielwarenmesse. Ponytail Barbie kam im schwarzweißen Badeanzug, mit blaugetönter Sonnenbrille im Cateye-Look, goldenen Ohrringen und fersenfreien black Highheels. 27,6 cm war sie groß, wahlweise blond oder brünett, kostete drei Dollars. Ein ideales Mannequin im Maßstab 1:6.

Eine putzige zwölfseitige Broschüre lag bald jeder Packung bei. Zeichnungen und Beschreibungen aller erhältlichen Outfits. Samt Preisangabe, klaro. Ein maßstabsgetreues Replikat zum Durchblättern findet sich in Barbie – Tribut an eine Ikone. Was haben die Girlys damals wohl häufiger mit leuchtenden Augen angestarrt? Ihre neue Barbie oder diese Broschüre? In hippeliger Vorfreude auf einen prallen Miniatur-Kleiderschrank? Haben will! Das Wedding Day Set: Sehnsuchtsvoller Blick in den Minikatalog BARBIE – TEEN AGE FASHION MODEL.Das süße Barbie-Q, einschließlich Chefkoch-Mütze und Kochutensilien ... und auf jeden Fall das Wedding Day Set, ein blendendes Hochzeitskleid („ … fashioned for a fairy“), Handschuhchen, Brautstrauß und Strumpfhalter included.

Wer sowas hat, benötigt auch einen festen Freund. 1961: Auftritt Ken (benannt nach Kenneth, dem Sohn der Handlers). Ein seltsam blasses Käsegesicht, das aber für die nächsten Jahrzehnte Barbies fester Begleiter wurde. Der brauchte keinen Rasierapparat (zumindest nicht bis zur Erfindung des Sport & Shave Ken), aber diversen Kleinkram. Papa, kauf mir das! Bald bekam Barbie Geschwister, ihre Schwester Skipper, die Zwillinge Tutti und Todd, eine beste Freundin Midge und … und … und. Und was waren die, ohne Schickes zum Anziehen? Und jede Menge Accessoires? Und überhaupt. Das war der Wegweiser ins Barbieversum. Endlich: Die Märklin für die Mädels.

Lange vor Neil Armstrong: Schon 1964 posierte Barbie im Weltraumanzug.“The doll sells the fashion and the fashion sells the doll”, wusste Ruth Handler („Die Puppe verkauft die Mode, und die Mode verkauft die Puppe“). Obendrauf packte sie noch einen Happen Philosophie: Good Girl Barbie sollte das Selbstbewusstsein von Mädchen pushen. Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst! Diese Welt ohne Grenzen bescherte zumindest der Strahletussi Doktorhut und Robe, Raumanzug und Ärztekittel. Irgendwie vermisse ich die knuddelige Verkäuferin Wal Mart Barbie oder Burger Barbie an der Kasse bei McDonald's.

Jennie D'Amato, Barbie: All Dolled Up, 2009, becker&mayer!, Bellevue, Washington, deutsche Ausgabe: Barbie – Tribut an eine Ikone, 2009, Hardcover mit Schutzumschlag, 128 Seiten, 240 x 280 mm, vierfarbig, mit sieben herausnehmbaren Memorabilia, HEEL Verlag GmbH, Königswinter, 29,90 Euro.
Harald Helmut Weiss, Jahrgang 1954, lebt als Autor und Regisseur in Schifferstadt. Bereits für seinen Erstling, den Kurzfilm Bisher war der einzelne auf sich gestellt ... erhielt er 1977 den Preis der Interfilmjury der Mannheimer Filmwoche. Er ist Inhaber und Geschäftsführer des Medienhauses Galteor Kommunikation. Er engagierte sich beim Start des Privatfernsehens und -hörfunks und war Mitbegründer des Kulturkanals K3. In Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen berichtet er seit 1975 kontinuierlich über Medientrends. Lange Jahre betreute er die TV-Magazine Im Foyer und Viewfinder, die er auch moderierte. Er ist Medienpreisträger des Bezirksverband Pfalz.
Das verwendete Bildmaterial stammt von der Mattel, Inc., El Segundo, Kalifornien, von der HEEL Verlag GmbH, Königswinter, und aus dem Archiv von Galteor Kommunikation Gesellschaft für audiovisuelle Medien mbH, Schifferstadt.


 
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