Lebenshilfe in Sprechblasen

Comicfinder Mika Robit sucht OrientierungDer Abgrund ist nah! Ned Flanders weiß Bescheid, Nachbarinos.

Mir ist schon früh am Morgen schwindelig. Die Welt taumelt orientierungslos umher und ich mit ihr. Stöhn. Nichts ist mehr so sauber, ordentlich, verlässlich, wie es einmal war.

Ist noch gar nicht lange her, da saßen Banker adrett frisiert hinter ihren Schaltern und verweigerten mir den Kredit. Jetzt kauern sie vor der Bank auf dem harten Asphalt und bitten um milde Gaben. Warum lässt Gott sowas zu? Doch will ich jemanden aus der Abteilung Religion danach fragen, bremst mich ein Kassenhäuschen am Eingangsportal der Kirche. Die nämlich wurde an einen Hätschelfond verkauft, zurückgeleast und ist nun Shareholder Value. Die Lehrerin kann ich auch nicht um Rat bitten. Die wurde outgeburnt frühpensioniert. Gerade hat sie ein Buch über Selbstfindung geschrieben und verhökert es auf eBay. Und das Wartezimmer meines Psychobären verlasse ich schnell wieder auf Zehenspitzen, als ich den Bedauernswerten leise wimmern höre. O Jammer, o Graus, o schnöde Welt.

MAD 125 - DAS INTELLIGENTESTE MAGAZIN DER WELT redet mal wieder erfrischenden Klartext.Wer nur bietet Orientierungshilfe? „Na, wir hier!“, flüstert mir Kalle verschwörerisch zu. Er ist Inhaber einer Spezialbuchhandlung für Comics und mal wieder Retter in höchster Not. Früher, sagt er, wurden sie als Schmutz und Schund gebrandmarkt, heute seien die bunten Bilderheftchen ein letzter Hort der Lebenshilfe.

Beseelt und ein paar Comics in meiner Plastiktüte schwerer, verlasse ich kurz darauf den Ort der Besinnung. Das druckfrische MAD hab ich mitgenommen, die Nummer 125 des Satireblatts, das sich selbstsicher Das intelligenteste Magazin der Welt nennt. Erschauer.

Natürlich erklärt mir ein einziges MAD nicht gleich das Universum, aber zumindest mal das World Wide Web, das Internet. Da ich in dem Überangebot dort schon lange untergegangen bin, verschlinge ich dieses Heft wie die Heilige Schrift der Power Surfer. Klare Worte. Deutliche Bilder. Hier steht das Wahre über all die Netzgiganten. Über Google, Amazon, iTunes. Über E-Mails, Blogs und virtuelle Welten. Seufz.

MADs 50 Dinge, die wir am Internet hassen! Ich werde sie auswendig lernen. Lebensberater Klaus Gehrmann erleuchtet mich: Das Internet in Theorie und Praxis. Es gibt bei Onlineauktionen also doch einen Unterschied zwischen ultimativer Schnäppchenjagd und gnadenloser Abzocke. Staun.

Visionär Martin Frei denkt noch weiter: Wenn das Internet versagt. Da lauern Gefahren. Bibber. Wenn der Personalchef mein Sexvideo auf YouTube entdeckt. Wenn ich beim Blind Date feststelle, dass Hottie Tomsen aus Second Life real doch irgendwie ein wenig anders ausschaut. MAD warnt. MAD ist Entscheidungshilfe, gleichsam Offenbarung. Und nach sorgsamer Lektüre von Guido Neukamms Sollte das Leben wirklich wie das Internet sein? weiß ich definitiv: Nööö!Hat hier das Internet versagt oder der Verstand? (Text/Bild von MAD-Autor Martin Frei.)

Auf manches ist eben doch noch Verlass. MAD gibt es seit August 1952, als in den USA die erste Ausgabe erschien (ursprünglich Tales Calculated To Drive You Mad), das erste deutsche MAD tauchte im September 1967 an den Kiosken auf. 1995 waren die Verkaufszahlen allerdings nur noch BAD und Verleger Klaus Recht gab auf. Rund drei Jahre später wiederbelebte der Stuttgarter Dino-Verlag das Projekt. Mittlerweile publiziert das Monatsheft die Panini Verlags GmbH, die Dino übernommen hat.

MAD ist und bleibt eine effektive Waffe gegen die Unsäglichkeiten des Lebens. Cool: Ich brauche keinen Waffenschein und muss es nicht ständig unter Verschluss halten.