Drachenschmied
Der Fantasy-Illustrator John Howe und seine Bilder
bestaunt von Harald Helmut Weiss
Der Zeichenstift flitzt nur so. Ein knapper Strich hier, eine langgezogene Linie da. Locker hält der Künstler sein Werkzeug in der Hand, fährt eine Rundung nach, verdichtet Konturen. Führt er den Stift oder folgt er ihm einfach, lässt ihn frei laufen? Ein schuppiger Kopf schält sich aus dem Papier. Reptilienaugen schauen ungerührt. John Howe skizziert. Kurz hält er inne, betrachtet konzentriert sein Modell. Er schließt dazu seine Augen. Denn er sieht dieses Modell keineswegs körperlich vor sich, er packt es intuitiv. Ein Porträtmaler, dessen Vorlage seine pure Phantasie ist. Die Studie zeigt einen Drachen.
John Howe, ein Meister der Fantasy-Illustration, zeichnet im Stehen, an einem hölzernen Pult, das er selbst gezimmert hat. Eine kleine Metalllampe beleuchtet die Arbeitsfläche. Seine Arbeiten öffnen traumhafte Welten ins Irgendwo, so klar und realistisch gemalt, als müsse man nur einen Schritt tun, um einzutreten. Wer die prallen Werke Howes kennt, weiß: Seine Bilder sind detailreich, plastisch, zum Greifen nah. Sie wirken, als wäre er vor Ort gewesen, hätte einfach seinen Block gezückt und nur abgemalt, was er vor sich sah.
John Howe wurde 1957 in Vancouver geboren, lebt in Neuchâtel in der Schweiz. Er hat coole Cover für ungezählte Bücher geschaffen, die meisten findet man im Regal mit der Phantastischen Literatur. Darunter die Conan Chronicles von Robert E. Howard, Titel von Eric van Lustbader, Jan Siegel, Sarah Ash. Dieser Mann ist eine verkaufsfördernde Maßnahme. Er ist einer der führenden Illustratoren von J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe. Seine Visionen haben das Bild von Tolkiens Mittelerde derart geprägt, dass mancher fragt: Wer hat hier wen und was beeinflusst?
Hauptsächlich deshalb holte ihn Regisseur Peter Jackson als Conceptional Artist ins Team seiner Filmtrilogie Der Herr der Ringe. Gemeinsam mit Allan Lee erarbeitete Howe Designs und visuelle Konzepte für die Filmserie. Nach seinen Entwürfen entstanden etwa der Dunkle Turm von Sauron oder das Schwarze Tor von Modor.
John Howe zeichnet leidenschaftlich Drachen. Die kommen derart vital und präsent, dass der Betrachter sich fragt, ob er nicht doch den geheimen Zugang zu jenen Orten kennt, die von diesen faszinierenden Wesen bevölkert werden „Drachen sind einfach unwiderstehlich“, begeistert sich Howe. „Sie sind so groß wie Flugzeuge, sind voller Schuppen, sie fliegen, sie speien Feuer, sie haben Persönlichkeit, sie horten Schätze, sie können sprechen.“ Und gerade weil sie nicht existieren, will er sie so bannen, dass sie lebendig wirken, beseelt, greifbar. John Howe ist eindeutig drakophil.
