Drachenschmied
„Ich finde, das lebensechte Zeichnen von Drachen sollte in der Kunstausbildung Pflicht sein“, meint Howe. Und natürlich meint er das ernst. Warum? Nun, die Kombination von Vorstellung und Realität ist pure Herausforderung. Da braucht’s handwerkliches Können gepaart mit immenser Imagination.
Deshalb hat er das Buch Forging Dragons geboren (übersetzt etwa Drachen schmieden – Man sieht geradezu die Funken sprühen), eine Kollage aus Entwürfen und fertigen Bildern, Texten zur Gensis seiner Werke sowie zur Mythologie der Drachen. Forging Dragons könnte im Fach Drachologie das Standardlehrbuch sein.
Unter dem Titel Drachen & Giganten – Inspirationen, Ansätze und Techniken zum Malen und Zeichnen von Fantasywelten ist die deutsche Ausgabe (aus dem Englischen übertragen von Heike Rosbach und Hanne Henninger) in der Iglinger Edition Michael Fischer erschienen.
Erstes Durchblättern, ein erster kurzer Blick zeigt überwältigende Bilder. Gierig reißen Bestien ihr gefräßiges Maul auf, züngeln lüstern ihren Opfern entgegen, speien verlässlich Feuerschwaden. Momentaufnahmen, als hätte der Künstler im entscheidenden Augenblick auf den Auslöser einer märchenhaften Kamera gedrückt.
Ein glitschiges Meeresuntier befaucht eine stolz-strahlende Barke, die mit geblähten Segeln die Wogen durchpflügt. Ringelnd wälzt sich ein weiteres Monster im Kampf mit dem Weißen Ritter. Atemberaubende Kompositionen, packende Perspektiven, stimmungsvoll ausgeleuchtet, lichtdurchtränkt. Atmosphärisch eingefangene Landschaften, architektonische Feinheiten, tosende Fluten. Das alles in einem Hardcover (Format 26 x 23 cm) auf 128 farbigen Glanzseiten. Ein Prachtband.
„Ein Bild von John Howe ist im Durchschnitt 100.000 Worte wert“, schreibt der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro Gómez im Vorwort. Was aber, wenn man einfach sprachlos erstarrt, mit staunenden Augen und offenem Mund, vor dieser Vielfalt von Eindrücken? Wie soll man jemals selbst auch nur annähernd so malen können? Wäre es vielleicht nicht doch besser, das eigene Set Buntstifte einfach dem nächsten vorbeischauenden Drachen zum Fraß vorzuwerfen?
Als John Howe, um die sechs Jahre alt, es nicht sofort schaffte, eine Kuh realistisch zu zeichnen, brach er verzweifelt in Tränen aus. Also braucht sich auch kein Nachwuchstalent seiner Tränen beim Anblick von Howes Schöpfungen zu schämen. Es ist okay, wenn man erstmal seine Palette fallen lässt. Aber: Es gibt viel zu tun.
Der Werdegang Howes ist ein hervorragendes Lehrstück in Hingabe und Ausdauer: „Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals nicht gezeichnet zu haben“, sinniert er über seine Passion. Und auf die Frage: „Wie schafft der das alles?“, antwortet Howe trocken: „Indem er kein Leben außerhalb des Illustrierens hat.“ (How does he do it you ask; by not having a life outside illustration is the answer).
Aber natürlich ist Drachen & Giganten kein Buch für den Fan von Malen nach Zahlen, kein Zeichenworkshop. Es gibt keine Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Kein Kapitel Wie man griffig Krallen kreiert.
Aber jedem, der fähig ist zu sehen, springen die Inspirationen geradezu entgegen. Wie sich auch Howe selbst von vielen Dingen anregen lässt. Er besitzt eine umfangreiche Sammlung von Bildquellen, Bücher über Reptilien, Fotos von Landschaften, von Kröten, von Leguanen, von Naturschauspielen. Er sammelt mittelalterliche Artefakte, Schwerter, Schilde, besitzt sogar eine eigene Rüstung.
Er ist versessen auf und besessen von Details. Um den sagenhaften Goldschatz des eitlen Feuerdrachens Smaug möglichst authentisch zu malen, hortete er selbst einen kleinen Schatz an Münzen aus der Prä-Eurozeit, beleuchtete sie, studierte ausiebig die Reflektionen des Lichts. Diese Detailgier zahlt sich aus – seine Bilder bersten vor Kraft und Energie.
Überhaupt öffnet der Meister für Drachen & Giganten sein Atelier weit, lässt sich generös bei der Arbeit zuschauen. Unverkrampft entrollt er die Entstehungsgeschichte einer Auswahl seiner Drachenbilder. Von der Idee über Versuche und Skizzen bis zum Endprodukt. Das Buch ist eine Fundgrube gelungener Making Ofs.