Krimi mit Knubbelnasen

Seine Bilder sind Einladungen zum Spaziergehen. Die Stadtszenen von Paris sind prall. Meine Augen gehen auf Entdeckungsreise. Straßencafés, Werbeplakate, ein possierliches Hundchen streunt. Hausfrauen tratschen, da wird ein Teppich ausgeschüttelt, Müll nach draußen getragen, Gendarmen schreiben Strafzettel. Es lebt. Es pulsiert.

Für Tuilleux sind diese Details niemals nebensächlich. Sicher hat er Maigret-Romane von Georges Simeonon verschlungen. Sein Inspecteur Crouton heißt mit Vornamen Jules, so wie Kommissar Maigret. Zielsicher hat er Simenons dichte Atmosphäre in die Comicdimension gebeamt (Jaja, ich kenne Simenon, auch wenn’s da nur Buchstaben gibt und die nicht mal in Sprechblasen).

Eine Katze huscht durch mitternächtliche Straßen. Nachtszenen. Scheinwerfer und Laternen spiegeln im nassen Kopfsteinpflaster. Ich hör da richtig den Regen prasseln. Und es regnet oft bei Jeff Jordan.

Tuilleux scheut keine Massenszene. Silhouetten nutzt er nur sparsam. No Lazy Daisy here. Aufmerksam widmet er sich jedem seiner vielen Statisten.

Als sich Jeff Jordan verkleidet beim Empfang zur Enthüllung eines Rembrandts einschleicht, fällt mit ihm eine Unmenge an Ehrengästen ein. Alles Individuen. Keiner gleicht dem Anderen. Mit Hingabe sind sie ausgeführt, charakterisiert. Mancher könnte sofort sein eigenes Spin-off bekommen.

Der weißhaarige Kunstkritiker erinnert an René Goscinny, den Miterfinder von Astérix. Im Original heißt er hochgestochen Adhémar de Lamarche de L'Escalier de Lacave, in der deutschen Übersetzung Dieter D. Dillettant.Ein lächelnder Kunstkritiker erscheint mir wie eine liebvolle Karikatur René Goscinnys (Miterfinder von Astérix). Gut geguckt, Mika? Er stellt sich vor als Dieter D. Dillettant. Nuuuuun jaaaaa …mal abgesehen davon, dass sich Dilettant mit einem l schreibt (Har har har, ich konnte nicht widerstehen), kömmt mir dieser Name doch reichlich kaukaesk. Und das obwohl mehr Vive-la-France kaum möglich ist. Überall duftet es nach Baguette. Schnüff.

Trotzdem finde ich eine ganze Collection solcher Flappsen: Zwar seh ich Bistros, Boulevards, Bar Henri en toutes les pages, doch die Flics wurden zu Wachtmeister Leisegang und Wachtmeister Schlaefer. Ein Zug fährt Direction Marseille – die Germanen sind in Wühlhausen beim Gefängnis Riegelfest. Ein Künstler heißt Herzasso, ein Hauptkommissar Haferschleym. Witzischkeit kennt keine Grenzen? Kalauer-Teddy hat sich die Schenkel wundgeklatscht. Uuaahaha!

Gut jetzt. Ich wetze los. 29 Euro 95 für die Numero Uno der Jeff Jordan Gesamtausgabe hab ich natürlich bei Kalle gelassen. Jetzt reicht mein Wohlstand doch nicht mehr für sechs Tage. Wow! Plötzlich bekommt diese leidige Kolumne eine wirtschaftliche Komponente.

Insgesamt vier Hardcover wird die JEFF JORDAN GESAMTAUSGABE der Ehapa Comic Collection umfassen. Alle sechzehn Alben der franko-belgischen Reihe GIL JOURDAN werden enthalten sein.Wieder zuhause mach ich mich gleich dran. Neeee! Halt! Erst krame ich meine Jeff-Jordan-Alben von Carlsen raus. Comicberg Siebzehn, halblinks. Ich vergleiche. Wie war das damals mit den deutschen Namen? Schau, schau! Ehrenrettung für Übersetzer Peter Müller. Bei Ehapa hat man für die Gesamtausgabe einfach das Eindeutsch von damals wiederbelebt. Die Carlsens erschienen ab 1984. Kein Wunder, dass dieses Wortspühl nach rund 25 Jahren altbacken würgt.

Mensch! Mir läuft die Zeit davon. Hier häng ich rum. Sorry, Leuts. Ich brech jetzt gnadenlos ab. Ich muss mich zusammenreißen. Sonst wird’s diesmal wirklich nichts mit meiner Kolumne. Mist! Elender!

Und ich weiß immer noch nicht, welches Comic ich diesmal lobhymne. Schief grinst.


Maurice Tillieux, Gil Jourdan L'Intégrale – tome 1, Dupuis, Marcinelle, Belgien, deutsche Ausgabe: Jeff Jordan Gesamtausgabe – Band 1, 1956 bis 1960, Hardcover, 240 Seiten, 296 x 214 mm, vierfarbig, EGMONT Verlagsgesellschaften mbH, Köln, Ehapa Comic Collection, 29,95 Euro.
Autor Mika Robit, Jahrgang 1958, beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit Comics, ihrer Herstellung, ihren Machern. Er verfügt selbst über eine beneidenswerte Sammlung und hat ein umfangreiches Archiv teilweise seltener Materialien zusammengetragen. In den Jahren 1985 und 1986 war er Mitarbeiter von WHAM!, dem legendären Magazin. Für Radio RPR betreute er die Hörfunkreihe Sprechen in Blasen. Er lernte viele der ganz großen Zeichner und Texter kennen, darunter Yves Chaland, Morris, Will Eisner und Don Lawrence.