Stattgegeben!
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Harter Schnitt. Erregt hetzt eine junge Frau über die Veranda. Sie wird beobachtet: Düster blickt einer hinterm Steuer seines Lasters. Da erhält er ein Zeichen. Aus dem Haus, aus dem die Frau hastete. Rhythmisch bewegt ein weiterer Mann dort eine Jalousie. Der Fahrer schnippt seine Zigarette, startet den Motor. Planlos tappt die Blonde über die Straße, wie benommen. Der Truck rast auf sie zu. Im letzten Augenblick springt sie zur Seite. Der Laster dreht ab, crasht in einen parkenden Kleinwagen. So beginnt Der Fall mit dem missglückten Anschlag (The Case of the Lame Canary), eine weitere beachtenswerte Serienfolge.
Die Frau ist Ruth Prescott. Nach zwei Jahren glückloser Ehe will sie sich von ihrem Mann Walter trennen. Denn der ist nur hinter ihrem Geld her: „Wieviel ist dir unsere Scheidung wert?“, hat er sie gerade noch selbstgefällig gefragt. Jetzt sieht sie ihn herbeilaufen, hin zu dem LKW-Fahrer am Unfallort und ist überzeugt: Er hat versucht, sie zu töten. Und … richtig … bald schaut sich der Gatte den Schreibtisch von unten an. Ein Revolver liegt neben der Leiche, Ruth Prescott nimmt ihn an sich. Fieberhaft durchwühlt sie die Jackentasche des Toten. Schlüssel klimpern. Beherzt schließt sie eine Geldkassette auf, entnimmt ein verschnürtes Bündel Briefe, zündet diese entschlossen an, wirft sie in den Kamin. Verdächtig, verdächtig! Bald wird sie einen Anwalt brauchen.Wie selten bei Perry Mason wird hier die Handlung durch Bilder vorangetrieben. Nicht durch Dialoge. Leider schrillt und glotzt Aktrice Stacy Graham, als würden Außerirdische auf sie lostentakeln. Ihre Mimik ist generell leicht überprozentig, aber für ein paar Momente ahnt die Szenerie Hitchcock. Viel trägt die Musik bei.
Das fühlt sich nach Bernard Herrman an, der ja unter anderem die Soundtracks für Psycho und Marnie geliefert hat, zwei klassische Thriller des Masters of Suspense. In den Credits entdecke ich keinerlei Informationen über die Komponisten zu Perry Mason. Was daran liegt, dass hier grundsätzlich Musik aus der Konserve genutzt wurde. Die CBS Music Library hatte jede Stimmung im Angebot, Tracks von Könnern wie Jerry Goldsmith, Franz Waxman, Jerry Fielding. Daraus bediente sich Paisano Productions. Bruchstücke – zusammengebastelt zur passenden Begleitmusik.
Und natürlich fand sich in der Library auch Musik von Bernard Herrmann. Herrmann leitete lange Jahre das CBS Symphony Orchestra und hat für das Network etwa Partituren zur Westernserie Have Gun, Will Travel oder für die herausragende Twilight Zone notiert. Auszüge daraus, manchmal nur knappe Schnippel, fanden immer wieder aufs Neue Verwendung in anderen Fernsehserien, auch bei Perry Mason. So stammt der Score einzelner Folgen also durchaus von einer ganzen Reihe von Komponisten.
Nicht einmal Fred Steiner wird als Composer des Titelthemas erwähnt. Park Avenue Beat hieß dieser brassig-fetzige Jazz ursprünglich, war ebenfalls nicht speziell für die Show gemacht, gehört aber mittlerweile zu Perry Mason wie die finale Aha-Sequenz.
Zum Ende jeder Folge erklärt Perry, der Findige, seinen Mitstreitern Della und Paul, vor allem natürlich dem Zuschauer, was ihn letztendlich auf die richtige Spur führte. Auch beim Fall mit dem missglückten Anschlag, dem Prototyp einer Perry-Mason-Episode, die bis zuletzt mit unerwarteten Wendungen aufwartet. Diesmal gesellen sich Tragg und Staatsanwalt Burger dazu. Noch einmal versammelt man sich in Perrys Office. Denn es handelt sich um die letzte Folge der Staffel.Dank DVD gibt es allerdings so etwas wie eine letzte Folge eigentlich nicht mehr. Auf Knopfdruck betritt ein gutgelaunter Perry Mason gleich wieder sein Büro: „Guten Morgen, Miss Street!“ – „Guten Morgen, Mister Mason!“ Der setzt selbstzufrieden hinzu: „Es gibt doch nichts Schöneres, als den Tag mit einem Zeremoniell zu beginnen.“ Mir bleibt ein stilles Nicken. Ich werde meinen Tag mit einem solchen Zeremoniell beenden.
Ich befürchte fast, ich leide am Perry-Mason-Syndrom. Vielleicht sollte dem ja ein profunder Neurologe zuerst volle Aufmerksamkeit und dann ein sattes Kapitel in seinem nächsten Fachbuch widmen. Das Perry-Mason-Syndrom – diesmal unter medizinischem Aspekt.
