Stattgegeben!


Wieder einmal lächelt Perry Mason (Raymond Burr) wissend. Was in der Akte steht, die ihm der Richter gerade übergeben hat, bleibt für immer sein Geheimnis (Bild aus dem Opener der zweiten Season).Diese Belegschaft ist aber auch die wichtigste Zutat im Erfolgsrezept der Serie. Die Besetzung der Hauptcharaktere ist einfach stimmig, die Atmosphäre packend. Burr & Co. agieren überlegen, lakonisch, abgebrüht. Gesten deuten an, Blicke bleiben unterkühlt. Und: Keiner drängt an die Rampe, hier spielt eine Mannschaft, das ist erkennbar Teamwork. Könner vor und hinter der Kamera. Ich spüre, dass die Schauspieler sich mochten, mit Freude bei der Sache waren. Immer wieder berichtete die US-Programmzeitschrift TV Guide damals von außergewöhnlich harmonischen Dreharbeiten.

Was kann also noch schiefgehen? Alle sind wieder dabei. Selbst die geschmacksreduzierte Tapete in Perrys Büro. Und vorm Fenster klebt treu das leblose XXL-Poster mit Stadtansicht Los Angeles

Variety, der Katechismus des amerikanischen Showbiz in Form eines täglich erscheinenden Branchenblatts, war anfangs von der Besetzung der Serie nicht sonderlich begeistert. Raymond Burr wirke wie Maxe Mustermann aus der Vorstadt, Barbara Hale als Della Street würde eigentlich nur Kaffee und Sandwiches für ihren Boss herbeischaffen. Und überhaupt. Perry Mason sei keine ernsthafte Konkurrenz für Mr. Como. Speziell um diesem Mr. Como Zuschauer abzuschwatzen, hatte CBS Mason vor den Kadi geschickt, samstagabends um halb acht auf Channel 2. Mr. Como, der singende Perry, charmebolzte eine halbe Stunde später auf Channel 4.

Ehrfürchtige Blicke – Perrys rechte und links Hand: Sekretärin Della Street neben Paul Drake, dem jungenhaften Privatdetektiv. Was wäre der Strafverteidiger ohne die beiden?Aber hier irrte der Rezensent der Variety. Das Publikum mochte Maxe Mason. Mit jeder weiteren Folge lieber. Die zweite Staffel war sogar außerordentlich magnetisierend. Gegen Ende folgten rund 25 Millionen Zuschauer, die Show kam in die Top 20 der Nielsen Ratings (Die Firma Nielsen Media Research misst in den Staaten die Einschaltquoten). Und ab 1959 wurde Perry Como’s Kraft Music Hall mittwochs ausgestrahlt. Tadaaa.

Raymond Burr erhielt für diese zweite Staffel (1958-59) den bedeutendsten Fernsehpreis der USA, den Emmy, als Bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie, Barbara Hale als beste Nebendarstellerin.

Mason ist artiger geworden. Das Recht ist ihm nicht mehr billig. Zwar scheut er immer noch keinen Kniff, wenn es darum geht, Mandanten zu helfen, aber zumindest ist er bemüht, einen gesetzestreuen Eindruck zu machen.

Drei Bände der luxuriösen Edition des CORPUS JURIS SECUNDUM dienten auch als Hintergrund für den Abspann der zweiten Staffel von PERRY MASON.Auch sein Buchbestand wächst sittenstreng. Wie sich das gehört für einen aufstrebenden Anwalt, stehen im Regal reichlich Bände des Corpus Juris Secundum, einer Enzyklopädie des amerikanischen Rechts. Darin werden Gerichtsurteile veröffentlicht. Für jeden findigen Anwalt ein sprudelnder Quell von Präzedenzfällen. Respektabel protzt da gleich die Luxusausgabe von West Publishing ins Bild. Allerdings habe ich Perry nie in einem der insgesamt gut 160 Bände dieses Standardwerks blättern gesehen. Oder gar daraus zitieren. In Masons Adern dümpelt kein Paragrafenblut, da brodelt ein Gemisch aus Abenteuerlust und Neugier: „So eine Zeugenvernehmung ist wie nach Öl suchen. Du entdeckst etwas, was dich interessieren könnte, und fängst an zu bohren.“ (The Case of the Buried Clock).

Zu bohren gibt es reichlich. Denn ein verzweifelter Klient gehört fest zu Perrys Inventar. Herbes Schicksal inklusive. Hinter der Fassade molliger Bürgerlichkeit und gepflegter Vorgärten verbergen sich Abgründe.

Da hat der Ehemann ein kleines Vermögen verdattelt und Frau samt Tochter sitzengelassen. Nun will die Abgebrannte ihn endlich wieder zurück – nicht den Kerl, den Batzen Geld. Ein anderer missratener Nichtsnutz hat gerade mal eben die Bank beklaut, in der der ehrenwerte Herr Schwiegerpapa im Vorstand sitzt. Und die adrette Galeristengattin möchte keineswegs in des Ehemanns Betrügereien verwickelt werden. Immer soll Perry Mason helfen. Alles hinbiegen. Unauffällig. Skandalfrei. „Ich möchte die Sache nicht vor der Öffentlichkeit regeln“, heißt es dann. Oder: „Ich komme aus einer sehr konservativen Familie, Mister Mason“. Willkommen im Club. Kurz darauf wird die fiese Schweinebacke, die erpresst, betrogen, unterschlagen hat, pünktlich ermordet. Was zwar ein Problem löst, aber die Damen und Herrn Klienten ausgesprochen verdächtig macht. Zweites Mason’sches Naturgesetz