Stattgegeben!

Harald Helmut Weiss urteilt unbefangen
über die zweite Staffel der TV-Serie Perry Mason

Die amerikanische Fernsehzeitschrift TV GUIDE vom 4. März 1961: Wieder einmal waren Darsteller Raymond Burr und sein Perry Mason dem Magazin eine 'Big Story' wert.Für einen Anwalt ist das wohl wie ein Ritterschlag. Wie die Erhebung in den Adelsstand. Vielleicht sogar wie der eigene blankpolierte Stern auf dem Walk of Fame. Besonders wenn dieser Anwalt in Los Angeles lebt und arbeitet. Da widmet ihm doch ein respektierter Kollege gleich einen ganzen Absatz in einem juristischen Fachbuch, benennt gar ein Phänomen nach ihm.

MacCarthy On Cross-Examination heißt das Buch, erschienen ist es 2007 bei der ABA, der American Bar Association, einer Vereinigung von Anwälten, Richtern und Studenten der Rechtswissenschaften. Also etwas ausgesprochen Honoriges. Vom Perry-Mason-Syndrom schreibt hier der versierte Jurist Terence F. MacCarthy. Dieses Perry-Mason-Syndrom mache es Strafverteidigern schwer, wirklich überzeugende Kreuzverhöre zu führen.

Perry-Mason-Syndrom? Einspruch! War nicht eben dieser Perry Mason ein ausgezeichneter Kreuzverhörer? Hat nicht eben dieser Perry Mason so gut wie jeden seiner Prozesse gewonnen? Und ist dieser Perry Mason, jener Starverteidiger mit Freispruch-Garantie, nicht eine Fantasiegestalt? Eine Fiktion? Erdacht von Erle Stanley Gardner, Schriftsteller aus Massachusetts und selbst lange Jahre Anwalt. Aber nicht etwa seine mehr als achtzig Mason-Geschichten haben unser Bild von Perry geprägt, sondern die gleichnamige US-Fernsehserie mit Raymond Burr in der Titelrolle. Stattgegeben.

Exakt aber darum geht’s. „Die meisten von uns kennen Perry Mason vom Fernsehen“, schreibt MacCarthy. „Genaugenommen haben wir vieles über Kreuzverhöre sogar von Perry Mason gelernt. Perry Mason hat seine Fälle alle im Kreuzverhör gewonnen. Niemand hat jemals gesehen, dass Perry Mason ein Schlussplädoyer hält.“

Die TV-Show war und ist international populär. Also kennen sie wohl zumindest einige der Geschworenen bei einem realen Prozess. Es entsteht eine Erwartungshaltung. Wenn der Anwalt sich aufmacht zum Kreuzverhör, wird Spektakuläres erhofft. Oft sogar vom Anwalt selbst. Alles nur wegen Perry Mason. Genau. Ich spreche ihn schuldig. In letzter Instanz. Null Berufung.

Szene aus THE CASE OF THE CORRESPONDING CORPSE, der die zweite Season der TV-Serie PERRY MASON einleitete. Besonderheit am Rande: Zum ersten Mal ist der Richter weiblich.Eben verfolge ich eins seiner Kabinettstückchen auf DVD. Wenn er so betont harmlos und freundlich dreinschaut, sollte der Befragte im Zeugenstand schon einmal mit Schwitzen anfangen. Denn dann hat der Prachtvokat Witterung aufgenommen: „Würden Sie das bitte in Augenschein nehmen und dem Gericht beschreiben …“ Gerade überreicht er Glenn McKay, dem Zeugen der Anklage, zwei Stricknadeln aus Stahl. Der inspiziert die Nadeln ausgiebig, als hätte er sie nie zuvor gesehen. An einem Ende sind sie zusammengelötet. Noch ist er pure Überheblichkeit, noch glänzt nur die Pomade.

Als Mason am Richtertisch dann allerdings vorführt, wie man mit diesem einfachen Instrument einen Brief aus einem verschlossenen Umschlag holt, ohne das Siegel zu zerbrechen, wird McKay schon unruhiger. Und bald hat es sich restlos ausgegrinst.

Geschickte Hände – mit Hilfe von Stricknadeln holt Prachtvokat Perry Mason den belastenden Brief aus einem Umschlag, ohne das Siegel zu zerbrechen (THE CASE OF THE CORRESPONDING CORPSE).Wo der Umschlag zugeklebt wurde, steckt Mason die Nadeln ein, der Brief wird zwischen sie geklemmt, eingerollt, locker herausgezogen. Tricky, tricky. Auf dieselbe Weise steckt er ihn wieder in den Umschlag zurück. Also kann Herr Zeuge ihn trotz unversehrtem Siegel gelesen haben. Rucki-zucki wird er zum Hauptverdächtigen. Magic Mason schmunzelt genießerisch. Ich schließe mich an. Da hat er ja wieder vor aller Augen das Karnickel aus dem Zylinder gezaubert. Und auch noch gleich erklärt, wo genau man es an den Löffeln packt. Da dies alles in der 45sten Minute der Folge Der Fall mit dem Mann, der zweimal starb (The Case of the Corresponding Corpse) geschieht, ahne ich: Glenn McKay ist der Schurke der Stunde. Denn der wird immer kurz vor knapp entlarvt. Und ich weiß ja, eine Folge dauert in etwa 50 Minuten. Deshalb wohl hängt hier im Gerichtssaal niemals eine Uhr, die würde jede Jury ablenken.

Ich bin natürlich umgehend hingerissen von Masons Bravourstück. So lässig hat er den Brief aus dem Umschlag gelockt. Hirn an Hand: Das kannst du auch. Wird gleich ausprobiert. Bei noch plapperndem Fernsehgerät. Mein Experiment endet allerdings in nicht unbedingt stiller Verzweiflung zwischen einer Kollektion zerfetzter Briefumschläge. Der Staatsanwalt hätte verschmitzt gekichert. Wohl doch alles nicht nur easy.