Anwalt mit eingebautem Freispruch

Wer Comics liebt, muss ein netter Kerl sein – auf Paul Drakes Schreibtisch steht eine Originalzeichnung von DICK TRACY.Unterstützt wird Mason von Paul Drake, einem eifrigen, jungenhaften Privatdetektiv (William Hopper). Der gibt sich gerne als zynischer Pessimist, ist eigentlich aber das Gegenteil: Warum sonst würde er sich überhaupt noch mit einem seiner Mäuschen verabreden oder zum Pokern hinsetzen, wo doch der unvermeidbare Anruf von Perry nicht lange auf sich warten lässt? 

Auf seinem Schreibtisch fällt sofort eine gerahmte Zeichnung ins Auge. Diese zeigt seinen Comic-Kollegen Dick Tracy. Sie ist handsigniert vom Tracy-Kreator Chester Gould: „Paul Drake – With our best wishes“.

'Damit ist vor Kurzem geschossen worden!' – Szene aus DER FALL MIT DEM STILLEN TEILHABER (THE CASE OF THE SILENT PARTNER).Oft findet das Duo die Ermordeten praktischerweise selbst. Man schnüffelt an verdächtigen Waffen („Damit ist vor Kurzem geschossen worden!“), zieht wohlerzogen ein sauberes Taschentuch hervor, um angetatschte Telefonhörer abzuwischen. Das waren halt noch Zeiten zünftigen Handwerks, bevor die DNA-Magier auftauchten, die aus einem ausgebuddelten Hüftknochen Aussehen und Kleidung des Opfers rekonstruieren, samt Anschrift des Täters.

Assistentin Della Street ist das Sinnbild der treu ergebenen Sekretärin (Barbara Hale). Sie lebt für ihren Chef. Verlässlich. Immer im Dienst. Ihr Erinnerungsvermögen lässt jeden Computer sofort neidvoll abstürzen: „Diesen Namen hab' ich doch schon einmal gehört …“ (Der Fall mit den zwei Revolvern – Case of the Restless Redhead). Lieber schläft sie um Mitternacht beim Diktat auf dem Dienstsofa ein, als dass sie … hmmm … Hat sie überhaupt ein Zuhause?

Trotzdem nennt Mason sie förmlich Miss Street, selbst wenn beide gemütlich im Restaurant sitzen. Sie ist die Abteilung Weibliche Intuition im Team. Zeigt durchaus aber erkennbare Zeichen von Eifersucht, wenn wieder eine schnuckelige Schnecke am Schreibtisch ihres Meisters lümmelt.

Della Street, Paul Drake, Staatsanwalt Burger, Lieutenant Tragg – so traut vereint findet man sie nur im Opener der ersten Season von PERRY MASON.Für Lieutenant Tragg (Ray Collins, ehemals Mitglied von Orson Welles‘ Mercury Theatre) ist Perry Mason eigentlich ein gefundenes Fressen. Denn der erspart ihm manche Lauferei. Bollert der knorrige Kriminaler in der ersten Episode noch ungestüm an die Kanzleitür („Aufmachen, Mason!“), besteht seine Polizeiarbeit bald zu einem Großteil darin, dem Titelhelden genussvoll grinsend zu folgen. „Nun, das beweist, dass große Geister auf derselben Wellenlänge sind“, feixt er in Der Fall mit dem verschwundenen Medaillon (The Case of the Desperate Daughter), als er Mason und Drake ertappt, wie sie ein Autowrack untersuchen, das ein entlastendes Beweisstück sein könnte. In der deutschen Version spricht übrigens der großartige Hans Werner Hamacher den leutseligen Lieutenant.

Bleibt noch die Frage: Wie schafft es dieser schier unbezwingbare Anwalt, letztendlich jeden Fall zu gewinnen?

Nun, auch die Lösung für dieses Rätsel findet man in den Fernsehfilmen selbst. Perry Mason konzentriert sich immer auf einen einzigen Fall. Niemals nerven ihn derweil andere ungeduldige Mandanten. Niemand lenkt ihn ab - keine Braut, keine Behörde, keine Blasenschwäche. Perry Mason arbeitet effektiv. In einer knappen Stunde ist alles erledigt und er kann sich anderen Aufgaben widmen. Und irgendwie habe ich auch das unbestimmte Gefühl, dass immer, wenn er verliert, gerade mal wieder kein Schwein guckt.

 

Harald Helmut Weiss, Jahrgang 1954, lebt als Autor und Regisseur in Schifferstadt. Bereits für seinen Erstling, den Kurzfilm Bisher war der einzelne auf sich gestellt ... erhielt er 1977 den Preis der Interfilmjury der Mannheimer Filmwoche. Er ist Inhaber und Geschäftsführer des Medienhauses Galteor Kommunikation. Er engagierte sich beim Start des Privatfernsehens und -hörfunks und war Mitbegründer des Kulturkanals K3. In Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen berichtet er seit 1975 kontinuierlich über Medientrends. Lange Jahre betreute er die TV-Magazine Im Foyer und Viewfinder, die er auch moderierte. Er ist Medienpreisträger des Bezirksverband Pfalz.
Das verwendete Bildmaterial stammt von der Paramount Home Entertainment Germany GmbH, Unterföhring, und aus dem Archiv von Galteor Kommunikation Gesellschaft für audiovisuelle Medien mbH, Schifferstadt.