Super, Mann!

Montag, 12. Juli, 18:46 Uhr
Ich will definitiv nicht mit Reisakne enden. Alan Moore was right: Zeit für ein Clean-Up. Aber ich kann dem Schatzi ja nicht einfach sagen: Pack dein Sushi und mach den Huschi! Das muss feinfühliger kommen. Aber auf jeden Fall braucht’s einen Wink mit dem Stäbchen.

Was bin ich raffiniert. Mein Plan: Schatzi muss die Story einfach selbst lesen. Japp. Sie wird verstehen. Die nackte Wahrheit in Sprechblasen. Superrobits Erzfeind Sushi-Man muss sterben. Und der Held wird ohne Schnucki Schnacki in den Sonnenuntergang fliegen.

Immer wenn sie linst, starre ich in das Büchlein. Ein gezieltes Wowzy hier, ein berechnendes Kicher da. Ein Schnalzen. Zwei Heidernei.

So. Der Köder zappelt. „Duuuu … ich muss noch ein wenig in Ruhe über meinen Artikel nachdenken!“, rufe ich rüber. Und nun sollte sie wissen: Die Bühne ist ihre.

Ich ziehe mich zurück in meine Festung der Einsamkeit, mein gekacheltes Relaxcenter. Jetzt wird gelauscht. Ich bin scharf auf Hörspiele. Schatzi packt die Neugier. Sie muss unbedingt wissen, was an diesem Comic so wowzy ist. Ich kann hören wie sie blättert … vorsichtig zuerst. Jetzt immer schneller. Aaaaah, es wird ihr dämmern. Sie ist empfindsam. Lady, it’s time to go. Ende einer Ära. Dein Silver Age ist abgeschlossen.

Ich höre Schluchzen. Leises Weinen? Pffffnuuuuuu. Auf jeden Fall schneuzt sie ins Taschentuch. Aaaaaah … Geräusche des Herumkramens. Sie packt! Töpfe. Pfannen. Tralla laaaaa! Mika, du bist ein Genius! Noch ein wenig Geduld und es beginnt ein neues Zeitalter.

Schnüff … nach was riecht es denn da? Das ist doch … eindeutig … Spaghettisoße. Ja, lüg ich denn? Rasch verlasse ich meinen Unterschlupf. Upps. Schatzi steht am Herd. Kochlöffelt und mildlächelt. Schmelz.
„Ich mach deine geliebten scharfen Hackbällchen dazu“, flötet sie. Hoppsa! Da ist was schiefgelaufen. Aber egal. Das kläre ich poste Pasta.

Montag, 12. Juli, 21:17 Uhr
Eng gekuschelt liegen wir auf meiner Wandermatratze. Entspannung. Superman ist bei uns. „Ach, Bärli …“, seufzt die Queen of Balls „du bist ja soooo romantisch!“ Aha. Gut zu wissen. „Als du den Comic da hast liegenlassen und weggegangen bist ins Bad, da wusste ich doch, du hast was auf deinem süßen Herzen!“ Nun jaaaaa … da liegst du richtig, denke ich … nuuuuur … wieso gibt’s dann Schmuse Bolognese? „Was hat dir denn am besten gefallen an der Geschichte?“, frage ich harmlos. „Na, dass sie sich endlich kriegen!“, himmelt sie. Jetzt nichts Falsches fragen. Schweig, Mika! Lass sie schmonzen! „Dass der Traum von Lois Lane doch noch wahr wird“, sabbelt sie weiter. „Sie heiratet ihren Supermann. Und sie haben sogar ein Kind!“ Upps! Ich muss was übersehen haben.

Dienstag, 13. Juli, 00:14 Uhr
Ich bin erschüttert. Tja, was wurde nun eigentlich aus dem Mann von Morgen? Ich hab tatsächlich das Happy End nicht gerafft. Dieser Graumelierte … der Mann von Lois Lane … äh … Lois Elliot … der sieht ja nun schon ein wenig aus wie Superman in den besten Jahren. Und sein Name! Jordan Elliott! Jor-El hieß doch Supies leiblicher Papa. Jordan Elliott Jor-El. Mist! Und der Krabbler der beiden … ihr Baby … Jonathan haben sie ihn getauft. Jonathan Kent … der Pflegedad Supermans … derselbe Vorname! Wowzy. Jordan Elliott ist Superman. Für seine Lois hat er sogar den coolen Umhang aufgegeben.

Ich wälze stundenlang diesen Comic, Schatzi blinzelt einmal drauf und blickt durch. Ich bin zerlegt. Ich hab wohl doch wieder nur Action geguckt. Und die Schenkel von Supergirl.

Männer sind eben vom Krypton, Frauen vom Sushi. Eigentlich sollte Schatzi meine Kolumne schreiben und ich die Nudeln abschrecken.

Nun gut. Fass dich! Superman hat das Loiserl geheiratet. Sie haben ein Kind. So what? Immerhin wurde mir nun eine Frage beantwortet, die mich schon als Pubertäter quälte: Hat der Protz einen Superschniedel? Okay, das weiß ich immer noch nicht genau, aber … zumindest hat er überhaupt einen.

Schatzi fand das übrigens sehr betörend. Anregend. Erregend. Und ich bin ja soooooo romantisch. Nun haben wir einen zusätzlichen Gedenktag. Alan Moore sei Dank.
Alan Moore (Autor), Curt Swan, Rick Veitch, Dave Gibbons (Zeichner), Superman: Whatever Happened to the Man of Tomorrow? The Deluxe Edition, 128 Seiten, Hardcover, DC Comics, A Warner Bros. Entertainment Company, USA, New York, deutsche Ausgabe: Superman: Was wurde aus dem Mann von Morgen?, enthält die Geschichten Was wurde eigentlich aus dem Mann von Morgen? (Whatever Happened to the Man of Tomorrow?), Die Grenze des Dschungels (The Jungle Line), Das Geschenk (For the Man Who Has Everything), Softcover, 132 Seiten, 258 x 170 mm, vierfarbig, Panini Verlags GmbH, Nettetal-Kaldenkirchen, 14,95 Euro.

Autor Mika Robit, Jahrgang 1958, beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit Comics, ihrer Herstellung, ihren Machern. Er verfügt selbst über eine beneidenswerte Sammlung und hat ein umfangreiches Archiv teilweise seltener Materialien zusammengetragen. In den Jahren 1985 und 1986 war er Mitarbeiter von WHAM!, dem legendären Magazin. Für Radio RPR betreute er die Hörfunkreihe Sprechen in Blasen. Er lernte viele der ganz großen Zeichner und Texter kennen, darunter Yves Chaland, Morris, Will Eisner, Jo Kubert und Don Lawrence.