Bewegtes Leben

Harald Helmut Weiss wirft einen scharfen Blick
auf Sergi Càmaras Zeichentrickanimation

Gleich wird's am Hinterteil ordentlich pieksen – Szene aus dem Ozaphan-Zeichentrickfilm PRIEMBACKE UND DER SÄGEFISCH.Eins hatte ich sofort raus: Je schneller ich an dieser kleinen Handkurbel drehte, desto wilder wuselte Hein Priembacke durchs Bild. Emsig schipperte der gezeichnete Seemann über das Stück Papier, das ich zur Leinwand erklärt und mit Tesa an die Tapete gepappt hatte. Erfindungsreich wehrte er sich gegen einen fiesen Sägefisch. Seit ein paar Tagen, genau seit meinem achten Geburtstag, war ich stolzer Kinobetreiber. Meine Eltern hatten mir einen grün lackierten Noris Filmprojektor geschenkt, dazu eine Kollektion von kurzen 16-mm-Zeichentrickfilmen. Alle schwarzweiß und stumm. Aber ich konnte sie mir gar nicht oft genug ansehen.

Bald kapierte ich: Da gab es eigentlich gar keine bewegten Bilder. Nur Einzelbilder, die sich schnell abwechselten. Meinem trägen Auge wurde eine Bewegung vorgegaukelt. Anschaulicher Physikunterricht im abgedunkelten Kinderzimmer. Ich war vernarrt. Sowas wollte ich selbermachen.

Besonders faszinierte mich deshalb der kurze Vorspann, der sich am Anfang jeder Minirolle der Marke Ozaphan fand. Der nämlich war leer und durchsichtig. Also: Filzstift her. Und schon sah ich mich als der kommende Disney. Ich zeichnete Kreise. Bild für Bild. Erst kleine, dann immer größere. Wieder und wieder hab‘ ich diese Filmschnipsel eingelegt und meine Kreise bewundert, die auf magische Weise anwuchsen. Oder eher herumzitterten.

ZEICHENTRICKANIMATION – Cover der deutschen Ausgabe des Buchs von Sergi Càmara, 2005 erschienen in der Edition Michael Fischer.Für ein Buch wie Zeichentrickanimation von Sergi Càmara hätte ich damals wohl ein paar meiner geliebten Filmchen eingetauscht. Nun … sagen wir einen. Denn Sergi Càmara zeigt hier das Entscheidende: Wie werden solche tricky Movies gemacht? Und: Was braucht’s, damit ich das auch kann? Càmara , 1964 geboren in Barcelona, weiß, wovon er schreibt – seit 1989 betreibt der Zeichner und Animator das Studio Càmara. Der kennt also alle nötigen Produktionsschritte aus eigener Erfahrung. Von den ersten Scribbles bis zum farbigen THE END. Um diese Erfahrung weiterzugeben veröffentlichte er 2004 El Dibujo Animado (Parramón Ediciones, Barcelona); die deutsche Ausgabe Zeichentrickanimation erschien in der Edition Michael Fischer, Igling.



 
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